Innenleben

Bike Nature Soul und wie alles begann

Einmal gedanklich an den Anfang.

Echt? Schon 10 Jahre machen wir das?

Um sein tägliches Tun ein wenig zu hinterfragen und immer wieder auf die ursprüngliche Idee zurück zu spiegeln ist es manchmal hilfreich, bewusst an die Anfänge zurück zu schauen. Auch wenn sich TrailXperience natürlich in den 10 Jahren des Bestehens weiterentwickelt hat und auch weiter entwickeln wird. Was war mir damals wichtig? Warum hab ich das eigentlich alles angefangen?

Rückblende also.

Man stelle sich folgendes Setup vor, das eigentlich bereits vieles besagt: Ein biketechnisch unbekannter Landstrich in Ligurien. Wildromantisch, frei von Menschen mit Fullface-Helmen und bunten Baggyhosen auf Gefährten die mehr kosten als der klapprige Bus mit dem diese zum Trail  transportiert wurden. Der Hafen von Orneglia, dem östlichen Teil der Regionalhauptstadt Imperia. Dort mit Blick auf die eine oder andere Nobelyacht: das „Gusto“. Hier ist der Name Programm. Und hier fühlten wir uns wohl an einem recht grauen und regenverhangenen Tag. Ein Tisch mit drei Stühlen. Ein Regal voller Weine. Eine Theke mit feinsten enogastronomischen Produkten der Region. Und Zeit.

Drei Menschen haben an dem Tisch Platz genommen. Einer davon ein Innsbrucker Bikebergsteiger mit siegerländischem Migrationshintergrund. Ein Exilthüringer, der sein Leben vor allem auf dem Bike und im Allgäu verbringt. Und ein Münchner  –  ihm ist vor allem wichtig, dass es schmeckt, wo der Trail endet. Der Tisch klein und über und über mit bereits vollgeschriebenen Blättern und Zetteln belegt, dazwischen bereits am Vormittag Rotweingläser, halbleer.

Gründerversammlung – wir distanzieren uns wie immer von allen hier gezeigten Frisuren

Die letzten Tage hatten wir gemeinsam mit einigen Locals diese Region erkundet. Waren einfach gemeinsam beim Radfahren gewesen und hatten immer wieder besprochen, was jedem von uns am „schönsten Sport der Welt“ gefällt und wichtig ist. Man hatte sich in den letzten Jahren im Bundeslehrteam Mountainbike der DIMB (Deutsche Initiative MountainBike) kennengelernt und gemeinsam Bikeguides ausgebildet. Und dabei natürlich auch live erlebt, wie unterschiedlich unsere Teilnehmer diesen Sport verstehen und vermitteln.
Eindrucksvoll war dieser Tage ein Erlebnis, als uns Adi aus dem Val Argentina shuttelte, um uns möglichst viele Trails in kurzer Zeit zeigen zu können. Irgendwann um 14h herum schwangen wir nach Trail Nummer 5 ab, schauten uns an und schüttelten innerlich wie äußerlich den Kopf. Gleiche Wellenlänge, wir drei. Jeder Trail für sich war vom Feinsten  –  aber man bekam einfach nichts mehr davon mit. Die Zeit, mit allen Sinnen das was man da gerade befährt wahrzunehmen, fehlte völlig. Aufstiege sind ganz hervorragende Denk- und Fühlpausen. Oder eben wirklich einmal PAUSE machen.

Was bedeutet(e) Mountainbiken  –  für uns und unsere Gäste?

Das konnte es also nicht sein. Das sollten andere machen. Genauso wenig wie es der Leistungstunnel für uns war. Mountainbiken „um zu“? Um der schnellste zu sein? Um die Zeit zu verbessern? Der erste am Pass? In engen Hosen und zusammengekniffenen Augen im nach vorn gesenkten Kopf? Nein. Mountainbiken ist für uns ein sehr bewusstes Spiel mit einem Sportgerät in der Natur. Möglichst im Einklang mit derselben  –  und mit sich.

Heute tourt Harald durch halb Europa und vermittelt dieses Gefühl mit seiner Vortragsreihe „Pfadfinder“. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Tobi war zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem Namen TrailXperience  –  BIKE.NATURE.SOUL. als weitgehend lokale kleine OneManBikeschule im Allgäu aktiv. Die konzeptionelle Grundlage hatte er im Rahmen seiner Diplomarbeit gelegt und damit schon damals ein Maß an Ernsthaftigkeit an den Tag gelegt, das im Vergleich zu anderen Gründungen in diesem Bereich herausragte. Und doch kamen die Dinge anders als er es geplant hatte.

„Eigentlich wollte ich mit meinen Gästen vor allem auf Tour und auf Reisen gehen und zwar dort wo es mir gefällt. Bis ich dann feststellte, dass die wenigen die sich hier anmeldeten für diese Art des Mountainbikens fahrtechnisch noch gar nicht befähigt waren. Hier gab es zu der Zeit also ein Gap  –  und das musste ich versuchen zu schließen.“, erzählt Tobi gern. Also war der Tourenveranstalter ganz schnell eine Bikeschule und Tobi entwickelte sich zu einem der versiertesten Bikelehrer Deutschlands. Die fahrtechnische Philosophie wandert also auf unsere Konzeptpapiere.

Anstoßen auf eine Entscheidung – und eine die da kommen sollte.

(Feinster frisch aufgeschnittener Schinken und Käse begleitet von einem tiefroten Wein sorgt mittlerweile für entspannte Stimmung.)

Was damals entstand ist die Grundüberlegung, aus der das heutige TrailXperience wurde. Wirkliches Erleben und Erfahren, die Experience eben, nur im Markennamen falsch geschrieben, ist uns damals schon wichtig gewesen. Das schließt schon einmal Stress aus. Der hilft weder beim Lernen, noch beim Genießen. Und schon gar nicht beim Urlaub machen.

Das Konzept des TRAILCAMPS entsteht:

Zu dieser Zeit gab es vor allem Anbieter von Alpenüberquerungen, also die Transalpveranstalter einerseits, diese machten oft im Rahmen ihres Programms ein wenig Fahrtechnik. Und es gab einige namhafte Bikeschulen, die vielleicht auch mal eine Art Erlebnisreise organisierten, vor allem aber schulten. Was an dem GustoTisch entstand war von Beginn an die Verschmelzung dieser beiden Welten. Wir wollten unsere Gäste einerseits fahrtechnisch weiter bringen. Sicherer. Lockerer. Stressfreier. Spielerischer. Um ihnen dann zu ermöglichen, das Biken wirklich ganzheitlich zu erleben und zu genießen. Denn wir wollten unsere Gäste dahin führen, wo wir diese Art des Mountainbikens besonders umfänglich erleben, und wo es noch nicht so überlaufen war.

(Ligurien verfügt über Rotweine, nicht aber über herausragende. Das Gusto aber verfügt auch über Rotweine aus dem nahen Piemont, so dass vieles der nun folgenden Ausarbeitung unseres Konzeptes der Lockerheit beim Genuss sehr guten piemontesischen Rotweines zuzuschreiben sein dürfte.)

Es entstand an diesem Tag auch das Konzept unseres allersten „Produktes“  –  eines Trailcamps (auch dieser Name wurde hier wohl geboren) in diesem Teil des noch unbekannten Liguriens. Wir wollten eine Geschichte erzählen. Tag für Tag ein wenig tiefer in diesen Kulturraum hineingehen. Gerade in den ersten Tagen fahrtechnisch immer wieder in Workshopform und zumeist auf dem Trail und während der Tour unseren Gästen eine Kehre weiterhelfen. Lockerheit aufkommen lassen. Aber eben auch bei Mama in Molini zur Pasta mit dem besten hausgemachten Pesto der Welt einkehren, inmitten von Arbeitern und Handwerkern des Tals. Bei Pietro feinste Käsen und Salami einkaufen und gemeinsam am Gipfel des Monte Moro beim Picknick teilen und verspeisen. Und dann ins Hinterland aufbrechen und über teils alpine Trails der Alta Via Monte Ligure bis nach Ventimiglia ans Meer biken.

die erste Gruppe, ein bunter Haufen, die mit uns in „unser Ligurien“ aufbrachen…

Das alles mit Zeitreise in die späten 50er Jahre (denn zu dem Zeitpunkt hat man offensichtlich im Hinterland Liguriens beschlossen: Schön so wie es ist und so lassen wir es!). Inklusive Ankunft am Strand genau zu Sonnenuntergang. Sport mit Schwitzen und eben auch den Pausen zum Wahrnehmen.

Im Oktober desselben Jahres fand die Erstausgabe dieser Campidee in Ligurien statt. Und wir erinnern uns noch genau wie Stefan, Tobi und meine Wenigkeit mental ziemlich leer nach einer intensiven Woche guiden, organisieren, schauen, vorsichtig sein, übermütig sein, ratschen, feiern, still sein, und natürlich biken wie es unmittelbarer kaum geht…, wie also Stefan, Tobi und ich am Strand von Ventimiglia saßen und schauten. Schauten wie unsere Teilnehmer und Gäste gemeinsam im Meer standen und sich feierten, umarmten, im wahrsten Sinne baden gingen. In dem Moment wussten wir: Zumindest bei diesen 14 Menschen ist das was wir uns da ausgedacht hatten, angekommen. Und zwar gut.

Nachbetrachtung:

Die Rezeptur für Erlebnisse mit TrailXperience haben wir mittlerweile natürlich weiterentwickelt. Bzw. wenn man im Bild bleiben möchte neue und verwandte Rezepte kreiert. Aber das Grundrezept, also die Dinge, die Werte die uns wichtig sind, sind dabei gleich geblieben. Und an die glauben wir.

Mittlerweile haben wir die dritte Webseite  –  und wie ich das schreibe ärgere ich mich, dass wir wohl nirgendwo screen shots der allerersten grünen und reichlich hölzernen Seite aufbewahrt haben. Wir haben ein Büro in Lenggries. Feste Mitarbeiter(innen). Und so einiges mehr ist recht erwachsen geworden. Die Kindlichkeit haben wir uns aber erhalten  –  vor allem auf dem Bike und dem Trail.

Im Verlauf der Geschichte ist, wie der geneigte Leser vielleicht bemerkt, der junge aufstrebende ExilSiegerländer aus Innbruck abhanden gekommen. Und das kam so:
Als der Barolo wirklich wirkte, hatten wir damals im Gusto gemeinsam beschlossen, den Namen TrailXperience  –  BIKE.NATURE.SOUL. mit all den Gewürzen und Zutaten, die wir an diesem Tag auf Blatt Papier brachten, zu einem veritablen Veranstalter für Bike-Erlebnisse zu entwickeln. Einmal einander anschauen. Handschlag. Ja, das machen wir.

Ungefähr 2 Wochen später meldete sich Innsbruck. Ein wenig kleinlaut zu Beginn des Telefonats. Also die Sache wäre die, er habe sich das nochmal durch den nüchternen Kopf gehen lassen und, weißt Du es ist ja so, dass gerade jetzt die PR Arbeit und die Zusammenarbeit mit den Sponsoren beginnt so richtig Fahrt aufzunehmen und genau in dem Moment sich noch ein Projekt, ja eine ganze Firma an das bikende Bein hängen? Also er wäre da wohl der Meinung, dass das mit sehr viel Arbeit zu tun habe und dass genau diese Arbeit in seinem Lebenkonzept für die kommenden Jahre doch gar keinen Platz fände und ob wir ihm böse wären wenn er nicht…

Wir wissen alle, was daraus und aus ihm geworden ist. Und das wäre es wohl nicht, wenn er anders entschieden hätte. Denn das, was an Arbeit da auf uns zukommen würde, hatten der Thüringer und der Bayer im Gegensatz zu dem Sauerländer wohl ein wenig unterschätzt…

——–

Nun, da ich diesen Artikel selber mal wieder lese, schreiben wir das CoronaJahr 2020.

Als Veranstalter der gleich zwei Phasen dieses Jahres nichts veranstalten durfte, haben wir natürlich und für alle sichtbar ein turbolentes Jahr erlebt. Tobi hat sich in der ersten Lockdown-Phase entschieden, das Risiko, das mit der notwendigen Investition in eine sichere Zukunft der Firma einhergehen musste, mit Blick auf seine junge Familie mit 2 Jungbikern nicht mitgehen zu können und hat die Mitinhaberschaft und Geschäftsführung zur Jahresmitte beendet  –  als Fahrtechniker ist er uns weiter verbunden. Wir haben uns verschlankt und finanziell neu aufgestellt. Weil wir daran glauben, was wir vor mehr als einem Jahrzehnt in der GustoBar auf die vielen Papiere geschrieben hatten. Und das ist gut so…

3 Dinge zum Mitnehmen:

1) Das Mountainbike ist ein Spielzeug, das es uns ermöglicht, im Moment fokussiert zu sein und den Moment zu erleben. Hautnah. Unvermittelt. Im Hier und Jetzt. Gedanken an Probleme, Stress, die Arbeit und was einen sonst noch beschäftigen mag, haben für diesen Moment PAUSE. Auch dies vermitteln wir und versuchen, unnötige Stressfaktoren auszuschließen.

2) Die Verbindung  Lernen, also besser, sicherer und selbstbewusster zu werden, und dem Erlebnis des Mountainbikens in eindrucksvollen Regionen ist wie ein Erlebnissirup: Die Dinge kommen zusammen. Die Glückshormone tanzen gemeinsam. das ist die Grundlage, auf Basis derer wirklicher Flow entsteht.

3) Flow ist nahezu unabhängig von den eigenen Fähigkeiten und kann jeden „ereilen“, ob nun leicht fortgeschrittener Anfänger bei den ersten Erfolgen oder technisch versierter Gipfelbiker. Die Rahmenbedingungen und die innere Einstellung müssen stimmen. Und diese versuchen wir für Euch alle immer wieder herzustellen.

SunDowner – und im Gegenlicht deutlich erkennbare FahrtechnikEigenheiten
Zuschauen  –  Nachdenken  –  Freuen …  Meditativer Moment am Monte Moro / Ligurien (pic: Markus Greber)
nach der Tour ist vor dem isotonischen Grundnahrungsmittel

6 Comments

    • Mathias Marschner

      certo ci sei stato e non solo parte dell gruppo!!!
      Sai che e già un bell‘ po‘ che noi tedeschi ti abbiamo fatto vedere la tua terra??? 😉

      E tempo che lo rifacciamo a qualsiasi posto magico!
      Scegli tu!
      Sicilia???

      a presto!
      Mathias

  • Andrea

    Hey, Danke für das Teilen dieses besonderen Moments vor 10 Jahren!
    Ihr seid echt einzigartig und es ist soooo schön mit euch zu Biken! Bitte weiter so ☺️
    Liebe Grüße aus dem Norden!
    Andrea & Axel

  • Enrico Frumento

    Felice di avervi fatto scoprire angoli della Liguria e scampoli di storia della mia terra, tramite i quali ho conosciuto tanti amici appassionati ..

    • Mathias Marschner

      ciao Enrico
      e veramente un piacere – e troppo tempo fà che abbiamo fatto un trail insieme. Gio mi ha oggi raccontato della via dell sale… solo che… non sono in forma… hm….

      A presto!
      Mathias

  • Eva

    Hallo, ein toller Bericht und super geschrieben! Erinnere mich auch sehr gut an Tobis Anfänge und bin mächtig stolz auf ihn. Einzig die Überschrift „Internas“ solltet ihr unbedingt in „Interna“ ändern – das ist schon der Plural. Sorry für die Klugscheißerei, das unfreiwillige Korrekturlesen ist eine Berufskrankheit bei mir ;-)). Weiter so!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.