Auf Reise

Tanz auf dem Vulkan – wie unsere Sizilien-BikeKreuzfahrt entstand

„Ich bin hier geboren. Hier aufgewachsen. Seit ich klein bin, hat mich mein Vater immer wieder auf den Vulkan gebracht. Auf Wegen, die schon mein Großvater mit seinen Maultieren ging. Um weiter oben Häuser zu bauen. Oder Äpfel zu ernten. In diesen Tagen bring ich Euch mit dem Bike hinauf, auf die Gipfel aktiver Vulkane!“

Wir sitzen mit Peppe in einem Café in Zafferana Etnea, dem „Honigdorf“ an der Ostflanke des Ätna und planen die kommenden Tage. Eineinhalb Jahre vor diesen Tagen saß ich das allererste Mal dem Etna gegenüber. Strahlend klar war der Tag. Frisches Brot, feinster Käse, Schinken, Orangen, ein guter Rotwein und ein Buch. So saß ich da und schaute  –  wenig ins Buch und viel auf den Etna. Kennst Du das Gefühl, wenn Dich so ein Berg ruft? Da einmal mit dem Bike unterwegs sein, die Idee wollte nicht aus meinem Kopf. Und so begann ich, Menschen zu finden, die hier Ihr Land leben und vom Leben auf den Vulkanen erzählen. Und nach denen, die dies mit dem Bike erobern. In Peppe hatte ich den idealen Bikepartner und Geschichtslehrer gefunden.

 

Das ist heute eine unserer Hauptaufgaben, wenn es in eine neue Region geht: Die Menschen finden, mit denen wir vor Ort unsere Bike-Geschichten schreiben und entwickeln können  –  um sie dann als Erlebnisreise anbieten zu können.

Peppe ist so einer. Vulkanguide. Und so jung er ist einer der besten. Da ihm sein Vater früh schon ein Mountainbike schenkte ist er auch Mountainbiker. So kam Peppe auch zu seinem Namen. „Es gab um mich herum eine ganze Reihe von Giuseppes und Peppes. Mein erstes Bike war damals ein Kona – und so nannten sie mich Peppe Kona. Sogar die Lehrer in der Schule.“ Und auch heute noch die Menschen in den Dörfern am Etna.

Mit der Ape unterwegs…

Wir sind hier, um unsere Idee einer VulkanKreuzfahrt mit anschließender Eroberung des Etna fertig zu entwickeln und hierfür Fotos und Videoaufnahmen zu produzieren. Neben Peppe sitzen noch Moritz, der nimmermüde Photograf und Marco aus Ligurien, der alles was Videobilder produziert, jonglieren wird.

Wir beschließen, aufgrund der angekündigten Wetterverhältnisse zuerst die Inseln Stromboli und Vulcano anzulaufen, bevor wir uns dem großen schwarzen Berg nähern. Es ist November, der Tourismus lässt Sizilien und die Äolischen Inseln in Ruhe. Schlaftrunken schieben wir unsere gut verpackten Räder um sechs Uhr morgens aufs allererste Schnellboot und erreichen die 60 Kilometer entfernte Insel Stromboli in gut einer Stunde. Wenn wir mit Gruppen hierher zurückkehren, wird dies ein ganzes Stück komfortabler sein: Wir haben bei unserem letzten Besuch ein großes hölzernes „Caicco“ gefunden, ein Motorsegler mit Platz für 10 Gäste, Guides und Crew, das uns als „schwimmendes Rifugio“ von Insel zu Insel bringen wird.

Die Pallas – ein Caicco türkischer Bauart und unser schwimmendes Rifugio für die Tage zu den Liparischen Inseln.

Stromboli  –  und ein Blick ins Erdinnere

Auf Stromboli macht das Leben gerade eine Pause. Die Sonne geht eben erst auf, Möwen segeln durch die Luft und lassen sich vom Wind tragen.

Zwischen farbigen Holzbooten auf dem Strand sitzt ein alter Mann und knüpft gedankenversunken an den Löchern seines Fischernetzes. Bärtig, zottelig-krauses graues Haar, gegerbte Haut. Der Mann scheint in seinem Leben hier schon einiges gesehen zu haben. „Sie nennen mich Vichingo. Weil ich aussehe, wie ein Wikinger, sagen sie.“ Es entwickelt sich eines dieser eindrucksvollen Gespräche, in denen wir in wenigen Worten erfahren, was es ausmacht, auf einem Vulkan zu leben. Hoch über uns ertönt eine Explosion, weiße und dunkelgraue Rauchwolken steigen in den Himmel. „Wir sind nur noch Wenige hier. Ein paar Hundert. Viele sind aufs Festland gezogen oder nach Australien. Damals wegen des Krieges. Oder wegen des Vulkans. Wenn der mal wieder ein paar Felsen geschleudert hat. Ich war auch mal in der Stadt. Aber da ist mir zu viel Chaos.“

„mi chiamo Vichingo. Perchè sembra un Vichingo…“

Ob er denn selbst keine Angst habe, frage ich den Fischer. Schließlich hat sich auch der Stromboli über die Jahrhunderte schon das eine oder andere Haus genommen. „Nein,“ sagt Vichingo. „Ich kenne den Vulkan. Ich bleibe hier – und der Vulkan bleibt dort. Wenn ich ihn mir von hier aus anschaue, passiert nichts.“

Wir aber wollen hinauf. Gemütlich geht es durch das ruhige Dorf Stromboli. Am Büro der hiesigen Vulkan-Guides halten wir kurz an. Ohne Guide kein Gipfel. Bis auf 400 Meter über dem Meer darf man sich frei bewegen, von da an nur unter Führung eines zertifizierten Guides. Über uns rumpelt es gut hörbar. Als wollte der Stromboli dieser Regelung Nachdruck verleihen. Die restliche Überzeugungsarbeit leistet die Strafandrohung von 500 Euro für jeden, der sich über diese Sicherheitsmaßnahme hinwegsetzt. Peppe schnappt sich eines der Funkgeräte, informiert sich kurz über die aktuelle Aktivität des Vulkans – und es geht los.

Der Aufstieg zum Stromboli – erst wunderbar fahrbar. Später eine recht feine Tragerei…

Ein wunderbarer alter Weg kurvt mit uns in weiten Kehren die ersten 350 Höhenmeter bergan. Dann wird der Weg zum Pfad und das Bike darf auf die Schultern. Gut 900 Höhenmeter sind es insgesamt bis zum Gipfel. Eine Vormittagsrunde, könnte man meinen. Doch der Stromboli fordert unsere Schweißtropfen – und begleitet uns mit einem fulminanten Schauspiel. Alle drei bis fünf Minuten kommt es weit über uns zu einer Eruption. Das Gestein, das er dabei ausspuckt, rollt rauchend eine Geröllhalde hinunter bis ins Meer – das passiert gerade mal 300 Meter von unserem Weg entfernt. „Außergewöhnlich aktiv ist er heute“, meint Peppe Kona und streckt seine Hand aus. Feinstes Lavagranulat fällt für einen Moment auf uns herab. Wie Schnee. Nur schwarz. Peppe funkt eine Meldung an die Zentrale der Guides hier auf Stromboli. Wir haben wohl einen der besten Tage des Jahres erwischt. Kristallklare Luft lässt uns weit über das verstreute Archipel im Tyrrhenischen Meer. Aus weiter Ferne grüßt der Ätna herüber, auf der anderen Seite Neapel. Es ist unglaublich schön.

Aufstieg mit Spektakel – unweit feuert der Stromboli ein Spektakel ab und macht den Aufstieg zum cineastischen Erlebnis

Wir erreichen den Gipfel. Der Stromboli macht sich aus einer Reihe von kleinen Kratern Luft. Ein Loch gibt uns direkten Einblick ins Innere unseres Planeten. Wie in einem Kochtopf brodelt darin glutrotes Magma. Dann knallt wieder eine Explosion. Ein großes Schauspiel, von dem wir uns erst trennen, als die untergehende Sonne den Himmel bereits orange verfärbt. Die ersten paar Hundert Tiefenmeter heißt es, zentral und locker auf dem Bike sitzen. Der Trail stiert steil abfallend und schnurstracks durch den Vulkansand. Der Sand unter uns bewegt sich. Es ist, als würden wir auf Dünen surfen. Weiter unten tauchen wir ein in einen unglaublich spielerisch in unzähligen Windungen und überraschenden Kehren durch einen Schilfgürtel führenden Weg.

am Ende unserer Abfahrt: Ein verspieltkurviger TrailSpaß.

Abends sitzen wir zufrieden im Garten von Zaza. „Er ist der Godfather of Vulkanguides hier“, hatte Peppe uns sein großes Vorbild zuvor vorgestellt. Zaza quittierte das mit einem verschmitzten Grinsen hinter seinem weißen Bart und seiner großen Brille und sieht dabei aus wie die Outdoor-Variante von Groucho Marx. Jahrzehnte lang hat er Touristen auf die Vulkane geführt, heute koordiniert er hauptsächlich die Guides. Achtet darauf, dass selbst in der Hochsaison kein Vulkan überrannt wird. „Es ist wichtig, genau zu verstehen, was er da oben will“, sagt Zaza und meint den Vulkan. „Er regiert hier, nicht wir. Schaut euch um: große Hotels werdet ihr nicht finden. Schon weil wir hier nur zu 50 Prozent die Hausherren sind.“ Was er davon halte, dass so ein junger Guide wie Peppe jetzt auch noch Mountainbiker auf die Vulkane führt? Zaza schmunzelt: „Ach, man muss den jungen Menschen immer etwas geben. Das mit den Bikes hat hier vor ein paar Jahren angefangen. Sogar mit meinem Bike. Ein befreundeter Bergführer aus Alagna zeigte mir eines Abends ein Foto: Er und mein nagelneues Bike oben auf dem Gipfel. Ich dachte erst an eine Fotomontage, aber der Kerl war tatsächlich um fünf Uhr morgens mit meinem Bike da hinaufgegangen. Gefragt hat er natürlich nicht. Aber viele waren es nicht, seitdem er die wohl erste Befahrung machte.“

Graoucho Marx auf Atromboli – Zaza erzählt uns vom Leben als Vulkanguide.

Vulcano  –  der Berg der atmet.

Betritt man Vulcano, merkt man bald: hier ist etwas anders. Da klebt dieser Geruch in der Luft. Vulcano schwefelt überall vor sich hin. Selbst in den Gassen des kleinen Dorfes dampfen Schwefelwolken aus den Felsen. Dieser Vulkan lebt anders. Er spuckt nicht, er atmet ab. Touristen fängt man hier in einer Art überdimensionierten Pool für Schlamm-Catcher. Da liegen sie dann, bestreichen sich mit dem warmen Schwefelbaz und fühlen sich bald gesund. Peppe schüttelt den Kopf und grinst. „Da würde ich nie reingehen. Man möchte sich gar nicht vorstellen, was in dem Schlamm mittlerweile alles rumschwimmt, wenn darin jedes Jahr Tausende ihre Muskeln entspannen.“ Die heißen Quellen im Meer um die Ecke, die sind gut. Da blubbert es von unten warmlustig an den schwimmenden Bauch.

Einmal auf dem Krater rund herum – auf Vulcano möglich!

Doch vorher wollen wir zum Krater hinauf. Er soll der formschönste dieser Inselwelt sein. Obwohl nur 500 Höhenmeter entpuppt sich der Weg als ausgesprochen mühsam. Oben empfängt uns ein riesiger, kreisrunder Kraterrand, den wir auf einem Trail umrunden. Auf der Ostseite des Kessels sind die Felsen schwefelgelb und ein dichter weißer Vorhang Dampf steigt auf. Ein faszinierendes Bild. Einatmen sollte man dieses Schwefelkonzentrat nicht.

Am Spätnachmittag bringt uns das Aliscafo wieder nach Sizilien zurück. Es wären noch mehr Inseln möglich, um sie mit dem Bike zu erkunden. Salina zum Beispiel mit ihren zwei Vulkangipfeln. Oder Lipari, die quirlige Hauptinsel. Aber wir haben ja noch eine Verabredung mit der großen schwarzen Eminenz, dem Ätna.

Die große alte Dame Etna

Wieder ist es früh am Morgen. Wir treffen Peppe in seinem Lieblings-Café in Zafferana Etnea. „Wir Sizilianer leben für die Süßspeise. Sie kommt noch vor der Frau, der Familie und dem Mountainbike“. Wir verdrücken ein handgemachtes Eis im Krapfen, einen krossen Pfannkuchen mit Ricotta-Füllung und ein paar der vielen Köstlichkeiten mit der Nationalfrucht Siziliens, der Pistazie. Danach haben wir Mühe, wie geplant um neun Uhr die erste Gondel Richtung Ätna-Gipfel zu erwischen.

Ticket to Ride – die altehrwürdige Gondelbahn bringt uns auf über 2.500m hinauf.

Auf  2500 Meter Höhe entlässt uns der Lift in ein kleines Skigebiet – dem im Moment natürlich gerade der Schnee fehlt. Auch ein Ort, der viel über den Charakter des Sizilianers erzählt. Lange ist es nicht her, dass sich der letzte große Lavastrom einige Liftmasten holte. In so einem Fall wird der Hang wieder eingeebnet und der Lift neu aufgestellt. Ende 2020 soll der Bau einer supermodernen, neuen Seilbahn beginnen. Optimismus und Fatalismus mischen sich auf sympathische Weise. Man lebt ein Leben mit dem, was der große Berg gibt – und wieder nimmt.

Dort wo wir nach langsamer Auffahrt das Ende des Jeeptracks erreichen, hört bei uns die Zugspitze auf. Gute 2.900m sind wir bereits hoch, die dünne Luft macht sich bemerkbar. Schritt für Schritt steigen wir weiter. Fast ohnmächtig vor lauter Weitblick: 3000 Meter unter uns breitet sich das Meer aus. Die Farben kontrastreich. Mystisch das Treiben der Nebelschwaden, durch die vereinzelt Sonnenflecken tanzen. Dann, auf 3.300 Meter Höhe, haben wir unser Ziel erreicht. Noch ein kurzer Blick in die gleißende Sonne – dann hüllt uns in Sekunden dichter Nebel ein. Wieder riecht es vulkantypisch, der Boden vibriert. „Wir bewegen uns gerade auf einer Kuppel. Unter uns befindet sich ein riesiger Hohlraum.“ Peppe grinst. Uns wird klar: Ohne ihn hätten wir hier keine Chance. Keine Orientierung. Alles nebelig-grau auf schwarz. Und doch einzigartig schön.

Surfen auf dem Etna – ungewohnt. Staubig. Und unglaublich g…..

Peppe drängt. Wir müssen mit der endlos langen Abfahrt beginnen, um noch sicher vor dem unsicherer werdenden Wetter unten zu sein. Wir umrunden den Ätna knapp unterhalb seiner höchsten Krater auf der Nordwestseite. Der schwarze Sandpfad ist gut fahrbar. Zuerst in stetem Auf und Ab, dann bremst Peppe ab und deutet nach links. „Da geht’s runter.“ Wir stehen vor einem riesigen, unverspurten, schwarzen Tiefsandhang. Beim Skifahren wäre das jetzt ein Sechser im Lotto. Als Biker ist man sich da erst mal nicht so sicher. Kein Weg, sondern freies Spiel mit dem, was Physiker Hangabtriebskraft, Fliehkraft, Reibung, Schwerpunkt, Gleichgewicht und Traktion nennen. Alles fließt und fühlt sich ungewohnt an. Je nachdem, wie verfestigt oder tief das Lavagranulat ist, wechseln sich Irrsinnstraktion mit Bodenlosigkeit ab. Dann schwingt man dahin und surft Turn an Turn. Beim Sturz wird man in erster Linie mal schwarz.

„… bei einem Sturz ist man in allererster Linie mal… schwarz…“

Wenn das Granulat von Wind und Wetter noch nicht feingerieben ist, ist es allerdings unangenehm scharfkantig. Daher alle Konzentration auf eine stabile, zentrale Position auf dem Bike. Behutsames Steuern. Mit jedem Meter geht’s spielerischer dahin. Weiter unten leuchten die ersten grünen Farbtupfer mit weißen Blüten. Was für ein Feuerwerk für die Sinne.

Später tauchen wir in einen Birkenwald ein: hellgrünes Laub an weißen Stämmen auf schwarzem Grund. Hier durch wickelt sich ein so dermaßen flowiger Trail mit leichter Sandauflage, dass wir uns akustisch Luft machen. Schreiend, jodelnd, lachend.

Weiße Birken, schwarzer Grund. Farbspektakel am Etna

Im Rifugio Citelli gibt es die wohlschmeckendste einfache Pasta der Welt. Zumindest empfinden wir dies so. Wir schauen uns an. „Das war jetzt erst eine Bergflanke des Ätna. Da gibt es schon noch mehr.“ Peppe ist sichtlich erleichtert. Aufgeregt sei er gewesen, meint er, ob uns seine Touren auch gefallen würden. Aber vor allem: Ob es den Vulkanen gefallen würde, dass wir ihnen mit den Bikes auf den Pelz rücken. Denn – da sei er sich ganz sicher – die Vulkane spüren uns, und der Etna ist ein heiliger Ort.

Abends schauen wir das Ergebnis dieser Tage an. Tausende Fotos. Viele viele Gigabite and Videomaterial. Man kann diese Landschaft nicht kaputtfotografieren  –  es ist so eindrucksvoll und das Licht gerade in den frühen und den späten Stunden eines Tages magisch.

Shuttle auf Sizilianisch

Das Puzzle fügt sich zusammen. Die Geschichte die wir erzählen wollen handelt von den Vulkanen und ihren Menschen. Und ja natürlich, wir werden gemeinsam biken gehen. Aber das gerät bei all den Eindrücken zur alles verbindenden Nebensächlichkeit. Die Vulkane schenken uns jeden Tag eine neue Welt. Keiner gleicht dem anderen. Sie leben, atmen, fauchen. Sie sind gnadenlos schön und fordern uns doch einiges ab. Die Sizilianer wiederum würzen diese Erlebnisse mit ihrer Mischung aus Stolz auf ihr Land und einem Schuss Demut vor der Natur, die so viel gibt  –  und wieder nehmen kann.

2020 werden wir viermal in See stechen und mit unseren Gästen an Bord der Pallas diese Welt erobern.

>> Hier klicken: Alle Infos zur Abenteuer-Reise „Sizilien Bike&Boot

Abendstimmung am Etna

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