Auf Reise

DOLOMITEN.GESCHICHTEN. – was tun wenn der große Sturm kommt?

Über das schönste Gebirge der Welt. Die Arbeit als Reise- und Erlebnisveranstalter. Die Mure an und für sich. Und warum wir es lieben, auch wenn es mal ein wenig schwieriger ist. Vielleicht hast DU ja Lust, diese Zeilen zu lesen!

DOLOMIGHTY  –  seit ein paar Jahren unser Ansatz, in einer Woche wirklich wenn schon nicht alles dann zumindest vieles davon, was die Dolomiten zu bieten haben, in eine Dolomitendurchquerung zu packen. Dieses Jahr in neuem überarbeiteten Gewandt. Mit neuen Trails. Neuen Ausblicken und Eindrücken. Und natürlich einer Menge Arbeit, die es braucht, so etwas zu entwickeln und zu optimieren.

Unsere Touren und Reisen wollen immer eine Geschichte erzählen, nicht einfach nur von a) nach b) fahren. Tag für Tag neue Eindrücke liefern. Aufeinander aufbauen. Und wenn es richtig gut wird schließt sich am Ende so einer Woche der Kreis.

Soweit die Theorie.

Und dann spielte dieses Jahr das Wetter und  –  ja   –  der sich abzeichnenden Klimawandel die Karten neu. Ende Oktober 2018 wurden die Dolomiten durch einen Orkan heimgesucht wie er so noch nicht erlebt worden war  –  selbst die Alten in den entlegenen Tälern können sich nicht an etwas Vergleichbares erinnern. Binnen 15 Minuten legte dieser Sturm ganze Wälder um, vernichtete Landstriche, ließ Häuser einstürzen und versetzte die Menschen in Schrecken. Und weil das nicht reichte: Nach einer eher schneearmen Wintersaison bekamen die Dolomiten in den Monaten zwischen Ende April und Anfang Juni noch einige Male große schwere Schneemengen und sintflutartige Regenfälle ab.

Wir hörten diese Meldungen, hatten Kontakt mit einigen Freunden und Partnern in der Region. Lasen die Schlagzeilen. Sahen Bilder. Und dennoch: Erst wenn man die Ausmaße dieser Urgewalten mit eigenen Augen gesehen hat, kann man glauben, was hier passiert.

Nun stehst Du als Reiseveranstalter vor der Frage: Was tun? Wie herausfinden, wo man im Verlauf einer großen Mehrtagestour über 6 Etappen dieses Dolomiten-Crosses, die auch noch in zwei Levels auf zwei verschiedenen Routen gefahren wird, wie geplant und mit möglichst besten Verhältnissen durchkommt? Wie sicherstellen, dass die Gruppen nicht hängenbleiben, vor unüberwindbaren Hindernissen stehen?

In der Theorie hieß dies: Telefonieren. Mailen. Fragen. Das Mosaik basteln. Stück für Stück kamen die Informationen herein. Hüttenwirte. Hoteliers. Tourismusverantwortliche. Gut wenn man sich seit Jahren zumindest ansatzweise kennt. Und doch: Die Unsicherheit blieb. Auch weil niemand wusste, wie schnell oder langsam die Aufräumarbeiten vorankommen würden.

Absagen? Wollten wir natürlich auch nicht.

Nun kann man als Veranstalter natürlich Roulette spielen. Ich bin sicher, dass dieses Jahr so manche Gruppe staunend vor einem Berg an zerfetzten Baumstämmen gestanden sein wird, durch die kein Durchkommen ist. Oder in einem Tal, in dem jeglicher Weg von Stein- und Geröllmassen verschüttet wurde. Das ist  –  wenn man sorgfältig arbeitet  –  keine Option.

Andererseits: Jeden Meter jeder Etappe abfahren? Die Varianten, die gehen, suchen? Das geht rein zeitlich nicht  – vor allem nicht weil selbst im Juni noch der Schnee auf den Höhen lag und man noch gar nicht hin kam, wo die Zerstörungen vermutet wurden. Die Zeit wird in so einem Fall ganz schön knapp.

Also: Das Puzzle aus allen erhältlichen Informationen wurde zusammengesetzt  –  und in den Tagen vor der Erstausgabe der neuen DOLOMIGHTY-Durchquerung sind wir mit 3 Mann und 3 EBikes losgezogen. Ja  –  in so einem Fall spielen diese Geräte ihre Vorteile aus. 12 Etappen in 3 Tagen  –  so war der Plan. Aufgeteilt und logistisch optimiert. Und es hat sich gelohnt. Denn tatsächlich, es wäre so einiges schief gegangen, wenn wir ohne all das Wissen dieser drei Tage losgezogen wären. Und einen ordentlichen Muskelkater bekamen wir oben drauf im Laufe dieses elektrifizierten Kraftaktes.

Die Region von Caprile war von dem Orkan mit anschließenden Sintfluten regelrecht umgebaut worden. Dort wo die Hänge bewaldet waren, stand oft kein Baum mehr. Hier hieß es teilweise etwas großräumiger umdenken. Rund um Cortina waren es dagegen wohl die Wassermassen aus Schneeschmelze und Regenfällen zur gleichen Zeit gewesen, die teilweise ganze Täler verändert hatten. Metertiefe Erosionsrinnen dort wo ein Weg war. Aus jeder Scharte, jedem noch so kleinen Seitental waren wohl Sturzbäche nieder gegangen und hatten die Wege unter Geröllmassen begraben. Über einhundert Jahre alte Brücken aus Zeiten des ersten Weltkrieges waren weggerissen.

Wir arbeiteten uns durch all diese Hindernisse. Ich erinnere mich, wie ich bei der sicherlich 15. Mure während des Aufstieges zum Rifugio Cima di Capri einen Schrei losließ  –  es frustriert dann halt irgendwann, wenn man hofft, durch das Gröbste durch zu sein und dann der nächste Steinberg winkt. Und mein urpersönlicher Akku war auch nicht mehr bei 100%.

Und doch: Wieder haben die Dolomiten alles zurückgegeben. Durften wir Momente erleben, wie sie nur hier möglich sind. Den Regenbogen über dem Monte Christallo bewundern. Eine für uns neue und nicht enden wollende Abfahrt in Richtung türkisschimmerndem Auronzosee erobern. Den DREI ZINNEN gegenüberstehen. Hausgemachte Teigtaschen und die besten KnödelTris der Welt verzehren. Uns freuen, wenn wir von der Hauptroute abweichend wieder so ein unwiderstehlich schönes Wegerl befahren durften. Und am Ende jeden Tages irgendwo die Gastfreundschaft der Menschen erleben, die uns mit einem kühlen Bier und einem warmen Essen verwöhnten. Und wir durften unsere ersten beiden Gruppen durch dieses Gebirge führen, trotz aller Schwierigkeiten auf faszinierend schönen Routen.

„Wir hatten Angst. Wirklich Angst“. Die Chefin unseres Hotels in Falcade erzählt von dem Abend als der große Sturm kam. „So etwas hatte hier noch niemand erlebt. Allein das Getöse, dieser Lärm, dieses Krachen, das entsteht, wenn binnen Minuten ganze Wälder pulverisiert und zerfetzt werden, Du kannst Dir das gar nicht vorstellen….“

Nein. Das kann man nicht. Ich konnte mir nicht einmal die Ausmaße der Zerstörung vorstellen, die ich ja bereits auf Bildern gesehen hatte, bis ich sie mit eigenen Augen sah. Der Blick auf den uralten Hof mit seinem Austragshäusl irgendwo oberhalb der Straße nach Caprile, der bis vor Kurzem am unteren Rand des Waldes stand, wird mir nicht aus dem Kopf gehen. Hier liegen die Bäume noch heute in weniger als 5 Meter Entfernung vom Gebäude im Dreck. Der gesamte Hang komplett niedergelegt. Das Haus war verschont worden. Nicht auszudenken, was die Menschen in diesen Momenten und in diesem Haus erlebt hatten…

Und so dürfen wir also wieder hin in die Dolomiten. Die Erde lebt und die Natur ist gewaltig. Auch das erleben wir auf unseren Reisen. Die Arbeit, die es bedeutet hier im Vorfeld alles, was möglich ist zu unternehmen, um den Verlauf einer Reise sicher zu stellen, sieht in der Regel niemand. Aber genau das in unsere Planungen einzubeziehen, macht diese Aufgabe so interessant. Denn auch jede Reise, jede Tour lebt.

Hier findest Du die Reisebeschreibung des #DOLOMIGHTY, den wir in zwei Levels in parallel laufenden Routen anbieten:
>> https://www.trailxperience.com/events/102/dolocross-dolomighty-flow/
>> https://www.trailxperience.com/events/42/dolocross-dolomighty-enduro/

2 Comments

  • Konstantin

    Danke für den tollen Bericht!
    Die Etappen bleiben aber weitestgehend identisch?
    Ändert sich an den „Fahrleistungen“ hm/tm etwas?

    • Mathias Marschner

      hoi Konstantin
      im Grunde bleibt alles wie es ist und wir wissen halt jetzt wo wir Problemzonen umfahren müssen.
      Auf der anderen Seite haben wir dadurch auch wieder ein paar Ecken und Wege kennen lernen dürfen, die so schön sind dass wir sie einbauen.
      So eine Reise und Strecke lebt ohnehin. Das ist eben auch das Schöne dass es etwas lebendiges in der Natur ist und nichts vom Reißbrett…
      Viele Grüße
      Mathias

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